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Schach mal anders: Fitness

Fitness soll ich machen? Fitness soll ich machen! Fitness möchte ich machen! Warum? Ja, warum wohl? Aus dem gleichen Grunde, aus dem sich fast die halbe Menschheit mit Wonne und Hingabe stylt, gut duftet, regelmäßig die Socken wechselt, die grauen Haare wegfärbt, beim Baucheinziehen fast in Ohnmacht fällt und bei jedem Kavalierstart von Millionen von Ottomotoren verflucht wird: Wegen Euch! Ihr Nachfahren der Rippe. Die Sache mit dem Apfel haben wir Euch ja im Laufe der Zeit verziehen, aber jetzt meinen Freund, meinen besten Freund, meinen einzigen Freund schinden? „Wollen wir nicht lieber eine Runde schachen? Das macht mir viel mehr Spaß.“ Es gibt so Situationen im Männerleben, da reicht der Blick der angeblich selbst gewählten Regierung und ... nun denn, es sei!

„Wir treffen uns um 5 vor dem Fitnessklub.“, hat sie gesagt. „Nimm ein großes Handtuch mit.“, hat sie gesagt. „Nimm ein kleines Handtuch mit.“, hat sie gesagt. „Nimm Badelatschen mit.“, hat sie gesagt. Und ein Duschbad, einen Kamm und Turnschuhe. Nun stehe ich hier vor diesem Schild: Fitnessklub, Öffnungszeiten, Telefonnummer und weiß ich noch was. Denn, „Fitness soll ich machen.“, hat sie gesagt. „Das tut Deiner Polstergarnitur gut.“, hat sie gesagt. Ich bin noch innerhalb der akademischen Viertelstunde angekommen und denke über den Dreizüger nach, dessen Lösung ich immer noch nicht kenne. Sie ist nicht da, noch nicht da, nicht mehr da? Egal, hat sie’s vergessen? Hoffentlich hat sie’s vergessen. Du, da oben, ich esse auch weniger Schokoriegel, versprochen! Komm, sei mal Kumpel. Pech gehabt. Ihr kleiner, grüner Flitzer biegt zwischen Laternenpfahl, Bordsteinkante und Altpapiercontainer so elegant in die Straße, dass Frau oder Mann meinen könnte, Michael Schumacher könnte von ihr noch was lernen. „Na, mein kleines Riesenbaby, schön, dass Du da bist. Warst Du schon drin. Hast Dich mal umgeguckt, ob es Dir zusagt? Natürlich nicht, als vollendeter Kavalier hast Du ganz lieb hier auf mich gewartet.“ Ist sie nicht einfach wundervoll. Sie stellt Fragen, beantwortet sie gleich und ist dabei glücklich und zufrieden. Ihr Beruf als Ökonomin macht ihr sichtlich Spaß. Fitness soll ich machen! Da führt wohl kein Weg dran vorbei. Ich brauche schon etwas mehr Kraft, um die schwere Eisentür aufzumachen. „Das fällt Dir in ein paar Wochen viel leichter, mein süßer Dickmann.“, sagt sie lächelnd und ich spüre, wie meine Glückshormone anfangen zu kochen. Diese herrlichen Augen. Wir gehen einen endlosen Gang lang, der mich irgendwie an die Römerzeit und den Gang der Gladiatoren in die Arena zu den Löwen erinnert. Wir betreten einen weiteren Gang, dessen Eisentür offen steht; Glück gehabt, nix mit aufstemmen. Wir gehen diesen Gang entlang und betreten eine Art Gaststättenraum. Sieht irgendwie aus wie in meiner Schachkneipe. Mehrere Männer stehen und sitzen in der Gegend herum. Mit jedem einzelnen scheint sie per Du zu sein und es dauert einige Zeit, bis wir alle Hände auf dem Weg zum Tresen hin durchgeschüttelt haben. Hinter der Theke steht eine sympathische Mittvierzigerin und sie scheint, gemeinsam mit der besten aller Begleiterinnen, das einzige weibliche Wesen im Umkreis von 30 m zu sein. Sie plaudern ein bisschen miteinander und ich nutze die Gelegenheit, mir die anderen Möchtegern-Arnolds anzusehen. Mir ist zwar etwas komisch zumute, aber ich bin auch stolz darauf, das andere Extrem darzustellen. Ich greife schon nach meinem empfindlichsten Körperteil, brauchte jedoch keinen Obolus zu entrichten, da ich heute ein Probetraining absolviere. Ich erhalte einen Schlüsselring mit dem Schriftzug „18“ und einem Mitglied der Familie „Wenn ich groß bin, werde ich mal ein richtiger Schlüssel.“ dran. Wir gehen zurück auf den Gang und bleiben gemeinsam vor der Tür mit der Aufschrift „Damen-Umkleidekabine“ stehen. „Ach, Du musst ja durch die Nebentür. Wir treffen uns dann bei den Fahrrädern.“, sprach es, lächelte und verschwand. Ich bleibe noch einen Augenblick stehen und ertappe mich bei meinem alten Turnstundenwunsch! Unsichtbar sein und dann rein zu den Mädchen. Diese Vorstellung hat auch nach all den Jahren nichts von ihrer Faszination verloren. Noch könnte ich durch den wieder verschwinden und zum Schachklub gehen. Ob ihr das auffallen würde? Hm, spätestens nachher zu Hause würde sie mir meine drei bis fünfundzwanzig begangenen Sünden vorhalten. Also los. Ab nach links. Die Umkleidekabine des sog. starken Geschlechts besteht aus einem Vorraum mit einer Dusche, zwei Waschbecken, einem PP-Becken und einer Toilette. In dem anderen sind die Schränke. Bei dieser Ausstattung kommen DDR-Nostalgiker voll auf ihre Kosten. Insgesamt sind wir nur vier Männer in dem Raum, jedoch brauchen die anderen drei mehr als den ihnen zustehenden viertel Quadratmeter. Auf diese Weise sind wir gleich alle miteinander vertraut und mein Nachbar bedankt sich recht herzlich dafür, dass ich ihm unabsichtlich seine Turnschuhe zugebunden habe. Dafür hilft mir ein anderer beim T-Shirt-Überstreifen. So etwas verbindet fürs Leben. Ich nehme noch eine Nase voll Achselschweiß meines Kumpan zur linken und betrete mit einem grünen und einem roten Turnschuh wieder den Gang. Mir war zwar so, als wäre ich mit ein paar blauen angekommen, aber da werde ich mich wohl geirrt haben. Dies nur als Fußnote der Welturnschuhgeschichte. Sie sitzt schon auf dem Fahrrad. „Nein, und nochmals nein, höre ich mich sagen. Ich will zum Schach!“ Und als ob mich der Schachgott erhört hat, klingelt der Wecker und mein Blick fällt auf die Leichtanzeige der Uhr in unserem Schlafzimmer: 5:30. Schach ist eben doch besser als Fitness!

Norbert Heymann