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Schach mal anders: Ein Sonntag im März
Stellen Sie sich bitte vor,
Ihnen ergeht es wie mir und Sie wachen in Frankfurt (Oder) auf, es ist Sonntag
früh um 5:00 Uhr, Sie haben gerade Ihren Wecker notgeschlachtet – durch die
Einführung der Sommerzeit sind Sie einer Stunde Schönheitsschlafes beraubt –
und dann schauen Sie aus dem Fenster auf eine prachtvoll weiße Schneedecke. Was
tun Sie in solch einem Falle? Richtig! Nach der obligatorischen Badezimmerfrage
„Ich kenne dich nicht, aber ich rasiere dich trotzdem“, gehen Sie
frohgelaunt zum Schneefegen auf den Parkplatz, stellen den Sinn von sonntäglichen
Schach-Mannschaftswettkämpfen in Frage, erfreuen sich Ihres anspringenden Autos
und setzen sich mit der Besten aller Verlobten, denn diese steht nicht nur heute
im Mittelpunkt Ihres Universums, in Richtung deutscher Hauptstadt in Bewegung.
Sie lassen verschneite Landschaften an sich vorüber ziehen und Ihr vierrädriger
Freund bahnt sich seinen Weg unaufhaltsam durchs Schneegestöber. Auch bei der
Frage, ob das sonntägliche Fahrverbot für Landkraftwagen ein vorweg genommener
Aprilscherz sei, halten Sie sich nicht lange auf. Unser erstes Ziel zu dieser frühmorgendlichen
Stunde ist eine ganz bestimmte Ampel in der Nähe des Flughafens Schönefeld.
Von meiner heimlichen Leidenschaft für Ampeln ahnt zum Glück niemand etwas,
denn die an besagter Ampel wartende Heidrun ist natürlich nur der Vorwand für
eine allzu kurze Visite. Die Wartende scheint von der Aura des wohlgeformten
Lichtezeichens nicht so ergriffen zu sein und eher die Behaglichkeit eines
wohltemperierten Kraftfahrzeuges - nach quälenden Minuten des Wartens - zu
bevorzugen. Nach einem, den Wendekreis des Freundes ausnutzenden 180°-Manövers,
weine ich still im Rückspiegel der flüchtigen Begegnung eine trockene Träne
nach. Zu mehr ist keine Zeit, denn unser nächstes Ziel heißt Ragow, südlich
von Königs Wusterhausen. Hier hat sich unser Silberpfeil (Ähnlichkeiten mit
Rennwagen gleichen Namens sind rein zufällig) mit seinem alten Kumpel Civic,
Nachname Honda, verabredet. Seine Einsamkeit währt nur Minuten und sein Kumpan
ist zur Stelle. Kurz durchgezählt und die Zweitliga-Frauen-Mannschaft des
Universitätssportverein Potsdam bevölkert komplett zwei Kraftfahrzeuge. Oh,
vergaß ich etwa zu erwähnen, dass es in diesem Aufsatz um den letzten
Saisonkampf in Görlitz geht? Nun denn, Mannschaftskapitän Reinhard und ich,
wir sind uns bewusst, dass wir in unseren Händen nicht nur ein wichtiges Rad,
sondern auch die Verantwortung für das zustande kommen dieses Wettkampf gegen
einen Aufstiegsaspiranten tragen! Andrea ist zu uns umgestiegen und die gemächlich
rasante Fahrt im Windschatten des Civic beginnt mit zwei wesentlichen Fragen:
War mag Queen hören, und war eine von euch schon mal bei denen? Na ja, Reinhard
wird bestimmt einen Orientierungsführer namens Stadtplan haben, und auch die
Ungewissheit, ob das Spiellokal geheizt ist, quält die eine Hälfte der
Frauschaft nur kurze Zeit. Ab und zu möchte sich der Silberpfeil seinen eigenen
Weg auf der schneebedeckten Piste bahnen, doch ein kurzer Schenkeldruck mit den
Armen hält ihn von derlei Gelüsten ab. Besonders als er sieht, wie es sich ein
vierrädriger Kamerad im Straßengraben gemütlich gemacht hat! Kurz vor Görlitz
hält es der Civic nicht mehr aus und stattdessen an einer Bushaltestelle an.
Reinhard steigt aus und mir fällt zum Glück meine jahrzehntelang eingeübte Männer/Manager/Macker/Macho/Macher/Megaorganisator-Rolle
wieder ein und ich gehe, nach aufschwingen der Tür, auf ihn zu. Sein und mein
Weg führt uns zum Kofferraum seines Wagens, er öffnet ihn und ich denke
sofort: Klasse, hol schon mal das Bier raus! Mühsam verberge ich meine Enttäuschung,
als ich das Ziel der morgendlichen Kofferraumkramerei erkenne: eine fotokopierte
Stadtplanseite von Görlitz. Reinhard erklärt mir anhand dieses Ausschnittes
der Weltkarte den Weg zum Ort des Spielgeschehens, aber genauso gut hätte er
mir auch anvertrauen können, es wäre das Zopfmuster seines neuen
Strickpullovers. Als wir mittelmäßig huldvoll in der Stadt Einzug halten,
fallen mir Wegweiser mit dem Schriftzug „Breslau“ auf. Nicht weiter darüber
nachsinnend folge ich dem vor mir fahrenden, fast schwarzen, Gefährt. In meiner
Vor-Schach-Zeit war Geographie mein Hobby und aus tiefsten Tiefen krame ich zwei
Erkenntnisse hervor: 1. Breslau liegt in Polen, und 2. das Bindeglied zwischen
meiner Wahlheimat Frankfurt (Oder) und Görlitz: ein Grenzübergang nach Polen.
Ob der wartenden Blechschlangen staune ich immer wieder über die sich stauenden
Zeitgenossen. Unaufhaltsam, so scheint es, führt unser Weg in Richtung des
Stauendes. Kurz vorher zieht es uns jedoch auf einen kleinen Parkplatz; wir sind
am Ziel. Die Beste aller Verlobten erinnert mich daran, den guten Reinhard
irgendwann auf eine Nebendiagonale zu ziehen, damit die Mannschaftskameradinnen
die Geburtstagskarte zu seinem bevorstehenden 60. Geburtstag unterschrieben können.
Wir werden vom Schiedsrichter, einigen Mitgliedern der Görlitzer Truppe und
einem unerwartet warmen Raum begrüßt. Die Spielbedingungen sind sehr großzügig
(6 Einzeltische) und ich weiß zu diesem Zeitpunkt dreierlei noch nicht:
1. Wie soll ich Reinhard wirkungsvoll ablenken?
2. Wo kommt bloß dieses nervende (zeitweise) Rauschen im Spielsaal her und
3. in diesem Raum werde ich den größten Nonsensartikel meiner
Schreiberling-Laufbahn zu kariertem Block bringen.
Zu Punkt 3 ist zu sagen: „Tapfer, Tapfer, liebe Leserin, lieber Leser, bis
hierhin haben Sie durchgehalten, den Rest schaffen Sie auch noch!“
Das zweite Stichwort wird wohl auf ewig ein Geheimnis der kombinierten
Weltschach- und Heizkörpergeschichte bleiben, und beim Ablenkungsmanöver für
Reinhard kam mir, als überzeugtem Esoteriker, das Universum in Gestalt der Görlitzer
Schachfreundin Hannelore zu Hilfe. Sie fragte mich nämlich nach unserem
Auto(warte schön auf uns)abstellplatz und empfiehlt stattdessen einen anderen
Parkplatz. So ergab sich noch vor dem Wettkampf die Gelegenheit, den Coach von
seiner Truppe zu trennen. Natürlich hatte ich unseren Aufenthalt in der östlichsten
deutschen Stadt auch in kulinarischer Hinsicht bestens geplant. Die
Warmhaltekanne war voll von koffeinhaltigem schwarzen Wasser der türkischen
Art. Nur die Kondensmilch blieb standhaft und beharrlich am Kannenboden. Um die
Beste aller Verlobten zwischendurch nicht nur mit aufmunternden Worten, sondern
auch mit heißem, schwarz-weißen Wasser zu erfreuen, stand im Nebenraum ein
Kaffeeautomat bereit. Seine Bedienung stellte jedoch für einen
Nichtabiturienten wie dem Erzähler eine enorme Herausforderung dar. Unter
Aufbietung aller intellektuellen Fähigkeiten konnte ich die Versorgung der mir
offiziell noch nicht Angetrauten dennoch sicherstellen. Die nachmittagliche Rückfahrt
in der hinfahrtlichen Konstellation war kurzweilig und verlief o.b.V. (ohne
besondere Vorkommnisse). Wenn man von der notwendigen Einfüllung des
kraftfahrzeugnötigen Fortbewegungssaftes einer bestimmten, hier nicht näher
definierten, Benzinfirma absieht.
Vergaß ich etwas wichtiges zu erwähnen, frage ich die Beste aller Verlobten.
Ach ja, der Wettkampf endete 2,5:3,5.
Norbert Heymann